Auf der Suche nach der eigenen Identität – zum Probenstart von GEÄCHTET

Auf der Probebühne mit dem Team von GEÄCHTET
Auf der Probebühne mit dem Team von GEÄCHTET

 

Die ersten Wochen unserer Probenzeit waren neben dem szenischen Ausprobieren geprägt von vielen Gesprächen rund um das Thema Identität. Denn der Autor Ayad Akhtar lässt in seinem Theaterstück GEÄCHTET fünf Figuren unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen: Da ist zum einen Amir, ein erfolgreicher New Yorker Anwalt, der in Amerika geboren wurde, dessen Eltern aus Pakistan stammen und streng muslimisch sind. Zu Amir gesellen sich seine Frau Emily, eine wohlhabende Amerikanerin, die ihr Herz an die islamische Kunst verloren hat; sein Neffe Abe, der mit acht Jahren sein Heimatland Pakistan verlassen musste und in New York lebt; seine Arbeitskollegin Jory, Afroamerikanerin, und ihr Ehemann Isaac, Jude und Kurator am Whitney.

Genauso bunt wie die Figurenpalette bei Akhtar ist, genauso vielfältig sind auch wir, das Produktionsteam um Regisseurin Christina Paulhofer, das sich mit GEÄCHTET befasst. Unsere ersten Gesprächsrunden begannen mit einem persönlichen Austausch darüber, wo wir herkommen, welchem Land wir uns zugehörig fühlen, ob wir einer Religion angehören und woher unsere Eltern und Großeltern stammen. Schnell wurde klar, dass jeder ein ganz individuelles Verhältnis zu seiner eigenen Identität hat: von absoluter Klarheit bis hin zu innerer Zerrissenheit.

Amir in GEÄCHTET steht seiner Herkunft und vor allem dem Islam sehr kritisch gegenüber. Er bezeichnet sich als Apostat, hat bei seiner Einstellung in der Kanzlei angegeben, dass er in Indien geboren sei und sich einen neuen Nachnamen gegeben. So wurde aus Amir Abdullah dann Amir Kapoor. Uns alle beschäftigt die Frage, was Amir dazu bewegt, sich so stark von seiner eigenen Identität zu distanzieren.

Zu einer unserer Gesprächsrunden haben wir Sarah eingeladen. Sarah kommt aus dem Libanon und macht zur Zeit ihren Master in Münster. Sie ist ebenfalls mit dem islamischen Glauben groß geworden und gab uns einen tieferen Einblick in die Religion. Wir durften ihr viele Fragen stellen und sie diskutierte mit uns über Amirs Geschichte. Wir kamen schließlich zu dem Fazit, dass Amir ein sehr umfangreiches Wissen über den Islam besitzt und viele persönliche Erfahrungen gesammelt hat, die ihn diese kritische Haltung einnehmen lassen. In seinem Umfeld stößt er mit seiner Abkehr auf keinerlei Verständnis. Immer mehr wird er von Emily, Abe, Jory und Isaac dazu gedrängt, zu seiner Herkunft zu stehen und sich sogar für seine Religion stark zu machen. Als er auf Wunsch von Abe und Emily einen Imam bei Gericht unterstützt, kostet ihn das seinen Job. Sein Traum davon, durch und durch Amerikaner zu sein, zerbricht. Als er dann erfährt, dass seine Frau mit Isaac fremdgegangen ist, brennen bei ihm die Sicherungen durch …

Was genau passiert, soll an dieser Stelle natürlich noch nicht verraten werden. Doch so viel sei gesagt: Bei uns sorgte es erneut für jede Menge Gesprächsstoff. Kurz vor unserem ersten Stückdurchlauf haben wir darüber diskutiert, welches Ausmaß die Verdrängung einer Identität mit sich führen kann. Aber lässt sich jede Tat darauf zurückführen und damit rechtfertigen? Oder spielen etwa ganz menschliche Gefühle eine viel größere Rolle, als man denkt? Wer ist Opfer, wer Täter? Fragen, die uns sicher auch noch in den nächsten Wochen begleiten werden, und hoffentlich nicht nur uns, sondern ab 26. Mai auch die Zuschauer des Theaters Münster.

Von Kristin Trosits, geboren in der DDR, Enkelin eines Ungarn, wohnhaft in Köln und für GEÄCHTET als Regieassistentin zu Gast in Münster

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