DEMUT VOR DEINEN TATEN, BABY – Interview mit der Regisseurin und den Schauspielerinnen

Am Freitag, den 24. März feiert DEMUT VOR DEINEN TATEN, BABY von Laura Naumann im Kleinen Haus Premiere. Das Stück über drei Frauen, die mit gefakten Terroranschlägen die Welt verbessern möchten, probt seit 5 Wochen mit Regisseurin Anne Bader. Im Gespräch mit Dramaturgin Julia Dina Heße erzählen sie und die drei Spielerinnen, Claudia Hübschmann (Bettie), Linn Sanders (Mia) und Andrea Spicher (Lore), von ihrer Arbeit und den Themen des Stücks: Liebe, Angst und Glück.

 

© Oliver Berg
© Oliver Berg

 

Julia Dina Heße: Liebe Anne, du hast in der letzten Spielzeit DIE PRÄSIDENTINNEN im Schauspiel Münster inszeniert. Mit DEMUT bringst du in dieser Saison ein neues Stück auf die Bühne, in dem zufällig auch wieder drei Frauen im Mittelpunkt stehen. Warum hattest du Lust, diesen Text bei uns zu inszenieren? Was ist in der aktuellen Arbeit mit einem Frauen-Trio ähnlich, was ganz anders als beim letzten Mal?

Anne Bader: Es ist ein sehr spielfreudiger Text mit einer gewaltigen Idee, was mir sehr gefällt. Und auch bietet er einen besonderen Umgang mit dem Publikum, den ich immer wieder in meinen Arbeiten suche. Begegnungen zu schaffen zwischen den Spieler*innen und den Zuschauer*innen, im besten Fall etwas gemeinsam wirklich erleben. Das ist sicherlich eine Parallele zu PRÄSIDENTINNEN. Inhaltlich geht es jedoch um völlig verschiedene Dinge. Die Präsidentinnen phantasieren sich aus ihrer Küche in eine Welt, in der sich all ihre persönlichen Träume erfüllen. Unsere drei Demutdamen hingegen gehen aktiv in die Welt, um sie zu verändern. Das ist ein politischer Akt. Sie denken also nicht nur über ihr persönliches Schicksal nach, sondern arbeiten daran, dass ihr PROJEKT SCHÖNERE WELT allen Menschen zu Gute kommt.

 

Terroranschläge – selbst wenn nur simuliert – sind ein aktuelles und daher auch heikles Thema. Haben dich die Ereignisse in Paris, Berlin, Brüssel oder Istanbul bei der Vorbereitung der Inszenierung beschäftigt und wenn ja, inwiefern?

Anne Bader: Natürlich hat mich die aktuelle politische Situation beschäftigt. Jeden Tag aufs Neue. Und mir war sehr schnell klar, dass wir auf der Bühne keine Gewalt zeigen wollen oder gar Bilder reproduzieren, die wir täglich in den Medien sehen. Anstatt den Fokus auf Terror und Angst zu legen, steht bei uns die Utopie PROJEKT SCHÖNERE WELT im Vordergrund. Unser Leben ist endlich, damit müssen wir uns abfinden, ob wir wollen oder nicht. Also sollten wir endlich anfangen den Moment zu leben. Anstatt uns zu vereinzeln, sollten wir zusammenhalten. Das ist ein gewaltiger Unterschied zum IS, beispielsweise. Ihr Vorgehen ähnelt eher dem der RAF, würde ich sagen. Unsere Stückfiguren greifen zwar zu ähnlichen Mitteln, ihre Absicht ist jedoch eine ganz andere: Es soll schön werden. Für alle soll Glück herrschen und Freundschaft. Weil uns hat das so was wie das Leben gerettet, heißt es im Text. Bleibt die Frage, ob sie mit friedlichen Mitteln eine ähnliche Wirkung erzielt hätten …

 

© Oliver Berg
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Das Stück setzt das Erleben bzw. Überlegen eines Terroranschlags in Beziehung zu der Ermöglichung eines besseren Lebens und einer besseren Welt. Wie ist da der Zusammenhang zwischen Terror (Angst) und Utopie (lebenslangem Glück)? Ist diese Behauptung oder Idee für dich nachvollziehbar?

Anne Bader: Ich finde es tatsächlich ein interessantes Gedankenexperiment. Ich selbst habe (glücklicherweise?!) noch nie eine solche Extremsituation erlebt, kann mir aber durchaus vorstellen, dass solch eine Nahtoderfahrung dich verändert, du danach bewusster mit dir, deinen Mitmenschen und dem Leben insgesamt umgehst. Der Tod ist unser größter Feind. Wir können ihn nicht beeinflussen, in manchen Situationen höchstens verzögern. Wenn wir einmal wirklich begreifen, dass das zur Verabredung »Leben« dazugehört, erlangen wir sicherlich eine große Gelassenheit, aber kein lebenslanges Glück.

 

Die Heldinnen in DEMUT sind drei Frauen, die Terroranschläge simulieren, um ein schönere Welt zu schaffen. Wie würdet ihr eure Figuren beschreiben, also, was treibt sie an und wie sehr glauben sie selbst wirklich an dieses Ziel?

Andrea Spicher: Lore, die ich spiele, ist sehr einsam und unglücklich zu Beginn des Stücks. Als sie bei dem vermeintlichen Anschlag die beiden anderen Mädels, Bettie und Mia, kennenlernt, wird sie das erste Mal geliebt, geschätzt und ist wahnsinnig glücklich. Dieser Wendepunkt in ihrem Leben, das ist ihr Motor. Freundschaft, Liebe, glücklich sein. Und zwar für alle. Sie gibt alles, damit sie dieses Ziel erreichen kann …

Claudia Hübschmann: Ist bei meiner Figur, Bettie, ganz ähnlich: Zuerst der Zufall, selbst von einem Terrormoment betroffen zu sein. Und dann die Freude, zwei Menschen, die ihr infolge der überlebten Extremsituation nahe gekommen sind, gefunden zu haben. – Zwei Freunde. Natürlich treibt sie auch ihre Einsamkeit, die sie am Anfang des Stückes beschreibt. Sie glaubt insofern an ihre eigenen Anschlagsimulationen, als dass sie wirklich nur Nähe wecken möchte. Es ist auch einfach ein Riesenspaß für sie – gemeinsam mit zwei Freundinnen rumziehen und wie ein Spiel, Terroranschläge zu simulieren. Und dann werden sie auch noch berühmt. Ziemlich gut.

Linn Sanders: Auch Mia ist eine sehr einsame Person, die sich nach Liebe und Zuwendung sehnt, die sie im realen Leben aber nicht bekommt. Darum flüchtet sie sich in ihre Fantasiewelt, wo ihr ein treuer, tröstender und weiser Freund zur Seite steht und in der sie alles kann.  Durch das Terrorerlebnis am Flughafen vereinen sich beide Welten gewissermaßen und sie hat nun auch im echten Leben zwei Freundinnen gefunden, die sie richtig lieben kann und von denen sie mitsamt ihrer Traumwelt völlig akzeptiert wird. Und ich glaube, daraus schöpft sie auch den Mut und die Kraft, solch krasse Dinge zu machen, weil die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt, alles eins wird und sie solch ein Glück empfindet wie nie zuvor, und sie jetzt in der Wirklichkeit Sachen machen kann, von denen sie sonst nur träumte.

 

© Oliver Berg
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Woran scheitert die Utopie der drei Freundinnen am Ende?

Claudia Hübschmann: Die Utopie scheitert an ihrem Erfolg, könnte man sagen, das System wandelt sich wirklich, die Menschen brechen aus den Regeln aus –  was wiederum das bestehende System tatsächlich zum Einsturz bringen würde und das hat dann wieder niemand gewollt. Auch Bettie nicht.

Linn Sanders: Ich glaube, die Utopie scheitert in erster Linie durch den Eingriff des Staates. Dadurch, dass die Mädchen vor nichts mehr Halt machen, das Projekt immer weiter expandiert und Grenzen überschreitet und schließlich die Politik ihre Finger ins Spiel bekommt, werden die Drei immer mehr zu ausführenden Marionetten der Mächtigen, die ihre Ziele durch die Anschläge verwirklichen wollen und auf diese Weise die ganze Nation zu ihren Gunsten manipulieren können. Bettie, Lore und Mia handeln letzten Endes nicht mehr selbstbestimmt und haben die Führung und das Ausmaß ihrer Taten nicht mehr unter Kontrolle.

 

Aus eurer Sicht: Was macht unser Leben glücklich?

Anne Bader: Liebe, in jeglicher Hinsicht. Ob in Beziehungen oder in der Freundschaft, Familie oder im Miteinander.

Claudia Hübschmann: Kommt drauf an, wie man Glück definiert – eher Zufriedenheit mit dem, was man lebt. Das haben bestimmt einige, manchmal auch nur punktuell. Ansonsten glaube ich tatsächlich, Glück hat etwas mit Unvorhergesehenem zu tun, etwas mit Überraschung. Alles andere befriedigt Erwartungen. Glücklich ist man, wenn etwas eintritt, womit man nicht unbedingt gerechnet hat.

 

Gibt es ein glückliches Leben oder gibt es nur glückliche Momente?

Linn Sanders: Ich glaube, Glück ist ein ganz großes berauschendes Gefühl, was sich nicht konstant durchziehen kann. Außerdem kann es nur glückliche Momente geben, wenn man auch die anderen schlimmen oder nicht so schönen Dinge erlebt. Da gebe ich dem Stück Recht. Dort ist es halt auf sehr extreme Weise dargestellt. Aber, ich glaube, auch wenn einem nicht so ein schockierendes Erlebnis widerfährt, braucht es doch im Leben negative Erfahrungen (wenn auch nur im ganz Kleinen), um das Glück richtig fühlen zu können. Meiner Meinung nach gibt es darum kein glückliches Leben, sondern eher ein zufriedenes Leben oder ein bewegtes Leben mit vielen glücklichen Momenten und Höhen und Tiefen.

Andrea Spicher: So sehe ich das auch. Es gibt ein glückliches Leben. – Das aber nicht ausgeschlossen von Unglück und Schmerz und Zweifel ist, denn das gehört für mich zum Leben dazu.

 

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© Oliver Berg

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