Eine Reise durch Deutschland mit Vorfreude und einem nachdenklichen Ende.

Gastspiel AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN in Zwickau

Das Rechercheprojekt AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN, ein Abend über die desaströse Aufarbeitung des NSU-Terrors in Deutschland, war am 6.11.2016 zum »Theatertreffen Unentdeckte Nachbarn Chemnitz« eingeladen.

Das Festival wurde aus Anlass des 5. Jahrestages der Aufdeckung der NSU-Verbrechen geplant. Es wurden Theaterstücke bezüglich des Themas aus Köln, München und Jena gezeigt. Die Inszenierungen wurden an den Theaterhäusern und Orten der freien Kulturszene in Chemnitz und Zwickau aufgeführt.

Im Festivalprogramm steht:
»Unentdeckte Nachbarn waren die Beteiligten des sogenannten »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU), die mehr als zehn Jahre von 1998 bis 2011 unentdeckt von Chemnitz und Zwickau mordeten und Terroranschläge verübten. Zehn Menschen wurden getötet, dutzende Andere durch Bombenattentate und Raubüberfälle teils schwer verletzt und mehr als 260.000 € allein in Südwestsachsen zur Finanzierung der Verbrechen erbeutet.
Vielfach unentdeckt oder weitestgehend unbehelligt bleiben auch bis heute Unterstützungsstrukturen in der Region, die hinter dem NSU standen und die teils bis heute fortbestehen. Unentdeckte Nachbarn sind aber auch die Menschen, die zu den Opfern und Betroffenen der NSU-Verbrechen gehören, sowie lange Zeit für die Morde und Anschläge verantwortlich gemacht worden sind: Menschen mit Migrationsbiographie. Unentdeckt, weil sie vielerorts als Gefahr wahrgenommen und nicht als Nachbarn entdeckt werden. Und unentdeckt daher, weil ihre Perspektive in der Aufarbeitung der NSU-Verbrechen kaum Gehör findet.«

 

Unsere Reise begann am 6.11. um 7.34 Uhr mit dem Zug nach Berlin.

Christoph

 

Es folgten Zwischenhalte in Leipzig …

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… Eisenach

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Bis wir schließlich unser Ziel Zwickau gegen 14.30 Uhr erreichten.

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Auf dem Weg stiegen immer mehr Mitglieder unserer Reisegruppe hinzu.

Erst Dennis Laubenthal …

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… und schließlich Lilly Gropper, so dass unser Team komplett war.

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Nach der langen Reise wurden wir sehr überraschend begrüßt, was unsere Laune etwas trübte.

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Rund 120 Menschen protestierten lautstark direkt vor unserem Hotel gegen die Politik der Bundesregierung. Unter dem Motto »Fehlpolitik Deutschland« veranstaltete die »Bürgeroffensive Deutschland« eine Kundgebung.

Wir mussten beobachten, wie mit Vorurteilen Hass gegen Minderheiten erregt wurde. Dennoch waren wir der festen Überzeugung, dass unsere Anwesenheit bei dem Festival Unentdeckte Nachbarn die Wichtigkeit und Toleranz des engagierten Teams des Festivals und der Theaterbesucher unterstützt.

Mit Freude, Stolz und Engagement aller Beteiligten konnte die Vorstellung beginnen.

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Mit großer Begeisterung wurde unser Theaterabend aufgenommen und viele Zwickauer und Theaterfreunde kommentierten das Gesehene und die Lage in Zwickau bei einer nachfolgenden Podiumsdiskussion. Unter dem Motto »Parlamentarische Aufklärung des NSU-Komplexes« referierten unser Regisseur und Autor Tuğsal Moğul, Heike Kleffner (Journalistin und Politikwissenschaftlerin) und Valentin Lippmann (Mitglied des Landtages Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied des zweiten Sächsischen Untersuchungsausschusses). Die Moderation übernahm Danilo Starosta, Kulturbüro Sachsen e.V..

Das Festivalteam formulierte einen Fragenkatalog, der den Hauptbestandteil der Diskussion formte:
Nach der Aufdeckung der NSU-Verbrechen versprach die Bundeskanzlerin Angela Merkel den Betroffenen, alles zu tun, um die Morde aufzuklären und das Unterstützungsumfeld aufzudecken und zu bestrafen. Die Einrichtung von parlamentarischen Untersuchungsausschüssen auf Bundes- und Landesebene sollte die Ermittlungen am Oberlandesgericht ergänzen. Wie funktionieren sie? Wie viele gab es bereits? Was konnten sie an Aufklärung leisten? Welche Probleme gibt es? Und vor allem: Welchen Einfluss haben sie auf den öffentlichen Diskurs? In Sachsen ist bereits der zweite Untersuchungsausschuss aktiv und wieder dringt nur wenig von dem Verhandelten an die Öffentlichkeit.

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Am nächsten Tag besuchte Tuğsal Moğul einige Orte, die mit dem NSU in Verbindung gebracht werden. Die längste Zeit hat das Trio der Terrorgruppe in der Polenzstraße gewohnt.

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Der letzte Aufenthaltsort war in der Frühlingsstraße 26. Auf dem Türschild stand »Dienelt«, bevor Beate Zschäpe am 4. November 2011 eine Explosion verursacht und damit einen Brand des Hauses hervorruft. Inzwischen wurde das Haus abgerissen und, wie man auf dem Bild sieht, ist Gras über die Sache gewachsen.

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In Erinnerung an die Opfer des Terror-Netzwerkes NSU wurden in der Innenstadt von Zwickau Holzbänke aufgestellt. Jede Bank trägt den Namen eines der vom NSU getöteten Opfer. Die elfte Bank ist »den vielen anderen Betroffenen« gewidmet. Diese Aktion  wurde von der Initiative »Sternendekorateure Zwickau« ins Leben gerufen.

Keine 24 Stunden später haben Unbekannte das NSU-Mahnmal auf dem Schumannplatz beschädigt. Zwei der insgesamt elf Bänke sind gestohlen worden. Sieben wurden mit weißer Farbe übergossen.

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Bedrückt und ratlos fuhren wir wieder nach Hause in Richtung Münster. Ja, Münster. Eine Stadt, die mit dieser Art von Kriminalität weniger zu tun hat. Wir waren fast schon erleichtert, wieder zu Hause zu sein. Aber wir sind sicher, dass unser Gastspiel dazu beigetragen hat, Aufmerksamkeit zu schaffen. Das versuchen wir auch hier bei uns im Theater: Jeden Besucher der Vorstellung AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN für dieses Thema zu sensibilisieren.

Leider hören die furchtbaren Nachrichten nicht auf. Ein Tag nach unserer Rückreise wurde bekannt, dass in Chemnitz das Kulturzentrum Lokomov, auch ein Spielort des Festivals, Ziel eines Sprengstoffanschlags gewesen ist. Berichtet wurde folgendes:

Einschüchterungsversuch?
8.
November 2016. Auf das Chemnitzer Kulturzentrum Lokomov ist in der Nacht zu Dienstag ein Sprengstoffanschlag verübt worden. Das melden unter anderen die Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse und Spiegel online.
Dabei sei eine Schaufensterscheibe kaputtgegangen. Eine zum Tatzeitpunkt im Gebäude befindliche Person habe von einem grellen roten Blitz, einem ohrenbetäubenden Knall und einer spürbaren Druckwelle berichtet. Die/der Täter konnte/n unerkannt entkommen, berichten die Medien. Es hätten sich zum Zeitpunkt des Anschlags mehrere Personen in dem mehrgeschossigen Gebäude befunden.

Nach dem Anschlag © Lokomov/Facebook

Das Lokomov ist ein Spielort des Chemnitzer Theaterfestivals Unentdeckte Nachbarn, das sich mit der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund beschäftigt. »Es ist davon auszugehen, dass es sich um einen Einschüchterungsversuch wegen der derzeit stattfindenden Veranstaltungen (…) handelt«, schreibt das Kulturzentrum auf seiner Facebookseite. Das Lokomov sei in vergangener Zeit immer wieder Ziel rechtsextremer Anschläge geworden.

Der Freien Presse zufolge hat das für extremistisch motivierte Straftaten zuständige Operative Abwehrzentrum (OAZ) der sächsischen Polizei in Leipzig die Ermittlungen übernommen. (Freie Presse / Spiegel online / sd)

Quelle: nachtkritik.de

 

Wir würden wieder hinfahren!!!

 

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