Ich bin Europa #iameurope

Liebe Leser,

Ich bin Europa  heißt es in unserer Spielzeiteröffnungspremiere JE SUIS FASSBINDER von Falk Richter.

Neben Richter haben sich auch andere Autoren, ausgehend von dem antiken Mythos Europa, immer wieder mit diesem Thema befasst und Fragen gestellt.

Zum Beispiel: Wie steht es um die Identität Europas? In welchem Europa wollen wir leben? Und was lief damals wirklich zwischen Zeus und Europa ab?

Einige dieser Texte haben wir für Euch rausgesucht und in unserem neuesten Blogeintrag zusammengetragen

 

Wie wünschen Euch viel Spaß beim Lesen!

 

 

Heinrich Heine

Mythologie (1851)

 

Ja, Europa ist erlegen –

Wer kann Ochsen widerstehen?

Wir verzeihen auch Danäen –

Sie erlag dem goldnen Regen!

 

Semele ließ sich verführen –

Denn sie dachte: eine Wolke,

Ideale Himmelswolke,

Kann uns nicht kompromittieren.

 

Aber tief muß uns empören

Was wir von der Leda lesen –

Welche Gans bist du gewesen,

Daß ein Schwan dich konnt betören!

 

 

 

Heinz Erhard

Zeus (1970)

 

Im Himmel machte er die Blitze,

auf Erden aber lieber Witze.

So hatte er, als Tier verwandelt,

sehr oft mit Damen angebandelt !

Einst näherte er sich – als Stier –

Europa und sprach keck zu ihr:

“Ich bin der Zeus ! Macht keine Zicken

und setzt Euch hier auf meinen Rücken !

Halt’t Euch am Horne fest und flieht

mit mir dorthin, wo’s keiner sieht !“

Erst zierte sich das Mädchen sehr – – –

dann weniger – dann wieder mehr —

da wurde es selbst Zeus ganz klar,

wie uneinig Europa war !

Und es ist gar nicht übertrieben,

zu sagen, es sei so geblieben ! –

Durch alte Schriften ist belegt,

daß Vater Zeus fast unentwegt

nach unten kam, sich abzulenken –

statt oben ans Regiern zu denken,

bis seine Frau, die Hera hieß,

ihn einfach nicht mehr runterließ.

Im Himmel aber, da verlor

er jeden Sinn für den Humor –

drum hört man auch vom alten Zeus

nichts Neus !

 

 

 

Friedrich Nietzsche

Jenseits von Gut und Böse (1886)

Oh Europa! Europa! Man kennt das Thier mit Hörnern, welches für dich immer am anziehendsten war, von dem dir immer wieder Gefahr droht! Deine alte Fabel könnte noch einmal zur „Geschichte“ werden, – noch einmal – könnte eine ungeheure Dummheit über dich Herr werden und dich davon tragen! Und unter ihr kein Gott versteckt, nein! nur eine „Idee“, eine „moderne Idee“!

 

 

 

Gotthold Ephraim Lessing

Auf die Europa (1751)

 

Als Zeus Europen lieb gewann,

Nahm er, die Schöne zu besiegen,

Verschiedene Gestalten an,

Verschieden ihr verschiedlich anzuliegen.

Als Gott zuerst erschien er ihr;

Dann als in Mann, und endlich als ein Tier.

Umsonst legt er, als Gott, den Himmel ihr zu Füßen:

Stolz fliehet sie vor seinen Küssen.

Umsonst fleht er, als Mann, im schmeichelhaften Ton:

Verachtung war der Liebe Lohn.

Zuletzt – mein schön Geschlecht, gesagt zu deinen Ehren! –

Ließ sie – von wem? – vom Bullen sich betören.

 

 

 

Duo Sonnenschirm

EURO-SONG (1997)

 

1.

Europa ist ein Kontinent

Und hat ein schmales Kontingent

Es zehrt von seinen alten Mythen

Ist stets satt und unzufrieden

 

2.

Ein Bild voll griechischer Eurotik

Europa reitend auf dem Stier

Potente Sexualexotik

In abendländischer Manier

 

3.

In Brüssel hängt der Pansen

In Maastricht hängt der Darm

In Straßburg hängt die Zunge raus

In Luxemburg regiert Graf Koks

In einem Fliegenschwarm

 

4.

Der Ochsenschwanz in Kraftbrühtannien

Die Eier schleifen in Kastrilien

Die Haxen scharrn in Sachsen

Und der Harn schrullt ungeklärt

Auf die Mafia in Sizilien

 

5.

Doch Europas Schlachtfabriken

Wolln das Tier mit Messern spicken

Und sich möglichst große Scheiben

Von der Beute einverleiben

 

6.

Dann mit Wahnsinnsbeigeschmack

Eingeschweißt im Tetrapak

Liegt das Rindvieh in Portionen

Als Europa der Regionen

In den Großmarkt-Tiefkühltruhen

Und hat aufgehört zu muhen

 

 

 

Heiner Müller

Ajax zum Beispiel (1994)

 

Europa Der Stier ist geschlachtet das Fleisch

Fault auf der Zunge der Fortschritt läßt keine Kuh aus

Götter werden dich nicht mehr besuchen

Was dir bleibt ist das Ach der Alkmene

Und der Gestank von brennendem Fleisch den täglich

Von deinen Rändern der landlose Wind dir zuträgt

Und manchmal aus den Kellern deines Wohlstands

Flüstert die Asche singt das Knochenmehl

 

 

 

Zsuzsanna Gahse

Eine Sammlung in der Sammlung (1993)

 

[…] Europa zerfällt, die alte Dame fällt auseinander. Neulich, auf dem Museumsfest, hatte sie sich bitter viel Schmuck umgehangen, sich frisch blondieren lassen, oberhalb der falschen Goldketten hing das verlebt bittere Gesicht, und dann lachte sie, stellte sich an die Bar, umarmte einen großen, jungen Mann und zog ihn an ihre Lippen, um ihn ausführlich zu küssen. Europa besteht daraus, daß sie zerfällt. Europa zerfällt in seine einzelnen Täler. Die Berge sind Grenzen. Ein Berg gegen den anderen, jeder gegen jeden. Und die alte Dame sieht furchtbar aus.

[…] der junge Mann an der Bar […] weiß inzwischen sehr genau, daß Dunkelheit und Sonnenuntergang, von dem er bisher süß träumte, am Ozean nicht haltmachen, drüben, auf dem nächsten Kontinent, sprechen sie meine Sprachen, Amerika gehört längst mir, und ich gehe weiter westwärts, über das nächste Weltmeer, bin in Asien westwärts schon angekommen und werde dort landen, wo ich herkomme.

[…] im übrigen hat Europa eine äußere Form, ohne einen Anfang oder ein Ende, eine Form, nur läuft der Gedanke mit Europa westwärts, nach Asien.

 

 

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